MMXIV.IX.7

Am vergangenen Donnerstag, der uns noch einmal etwas fast zu schwüle sommerliche Wärme mit viel Sonnenschein bescherte, machten Christine und ich wieder einmal einen Tagesausflug nach Celle, das von Wolfenbüttel aus mit dem Auto in 45 Minuten leicht zu erreichen ist. Wir schlendern durch die leider nach wie vor nicht verkehrsberuhigte Altstadt, besuchen den Schloßpark und aßen eine Kleinigkeit im Ratskeller. Als Haupt-Programmpunkt stand diesmal ein Besuch der großen Ausstellung „Arno Schmidt 100“ im Bomann-Museum auf dem Programm.

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Die Ausstellung besteht, kurz gesagt, aus 100 numerierten, nach inhaltlichen Schwerpunkten aufgestellten und im Halbdunkel des Raums effektvoll beleuchteten Vitrinen oder Schaukästen mit Artefakten aus Arno (und Alice) Schmidts Leben. Da ist etwa das Türschild der väterlichen Wohnung in Hamburg. Da sind Koffer, Bücher, Manuskripte, Fotos und Zettelkästen. Da ist die Aktentasche, in der Schmidt seine Manuskripte verwahrte. Auch selbst gemachte Alltagsgegenstände sind zu sehen, zwei mechanische Schreibmaschinen, Tonaufnahmen und Filmausschnitte. Ganz am Ende, als Nr. 100, kann man einen kurzen Filmschnipsel betrachten, der den spazierstockbewehrten Schmidt ein kleines Wegstück vor seinem Haus in Bargfeld auf- und abwandelnd zeigt. Er selbst macht das bekannte cäsarische Gesicht dazu. Was hinter der Brille wirklich vorging, kann man nur erahnen. An der Wand ein Zitat aus Schmidts letztem vollendeten, für mich schönsten Buch „Abend mt Goldrand“, das der aus den Fugen geratenen Welt mit rabiater Rücksichslosigkeit den Spiegel vorhält und gleichzeitig von einer zarten Traurigkeit durchzogen ist, die es zu einem der großen Trost-Bücher der Weltliteratur macht. Daneben: Tütchen mit „Gänseblümchensamen“ zum mitnehmen.

Wie nett und spielerisch die Ausstellung gemacht ist, mag stellvertretend noch ein Detail verdeutlichen. An der Decke in der Mitte des Raumes läuft eine Art Leuchtband mit Stichwörtern durch. Tritt man näher, findet man darunter, umgeben von Zettelkästen, ein mit eben diesen Stichwörtern beschriftetes Tastenfeld. Auf Tastendruck rollt dann eine Reihe zum jeweiligen „Thema“ passender Zitale aus Schmidts Werk auf dem Leuchtband ab. Wir hätten stundenlang damit spielen können.

Zu den stimmigsten Elementen der Ausstellung gehören die nicht nur sach- und fachkundigen, sondern oft auch lustigen, ironischen, nachdenklichen, berührenden, immer das Wesentliche aufschließenden Beschreibungen, die aus jeder Vitrine ein kleines biografisches Kunstwerk machen. Die Liebe und Sorgfalt, mit der das Ganze von der Arno-Schmidt-Stiftung gestaltet wurde, wird in jedem Detail sichtbar. Man merkt vor allem auch, daß hier kein anspruchsvoller Autor ins Pantheon gehoben uns als moderner Klassiker verdenkmalt werden soll. Die Ausstellung ist vielmehr ein Angebot, sich dem exemplarischen Menschen Arno Schmidt emphatisch anzunähern. Sie erreicht dieses Ziel unangestrengt, spielerisch, liebevoll-didaktisch und ohne erhobenen Zeigefinger. Ganz zwanglos wird dabei die Perspektive auf ein Werk eröffnet, das zu den schönsten und einzigartigsten der deutschen Literatur zählt.

Hier gibt es ein paar Fotos der Ausstellung, ohne Blitz durch das Vitrinenglas hindurch aufgenommen.