Nachdem das Jahr 2011 vorüber ist, will ich den wohl unvermeidlichen Rückblicken mit ihren Bestenlisten, deren ersten Ausläufern man schon im November begegnen konnte, wenigstens ein paar meiner eigenen Highlights entgegen setzen. Beginnen möchte ich mit den Büchern, die mich im Laufe des Jahres interessiert, bewegt und bereichert haben. Meine Auswahl beschränkt sich dabei weder auf die Novitäten des Jahres noch ist sie eine Liste kritisch reflektierter Empfehlungen. Wenn mich bei der Aufstellung und den kurzen Beschreibungen etwas geleitet hat, dann allenfalls mein Credo, daß nur das Einseitige und Subjektive interessant ist. Hier also meine Bücherliste 2011:
Arno Schmidt: “Brand’s Haide” (1951) und “Aus dem Leben eines Fauns” (1953)
Selbst die frühen Kurzromane Schmidts sind immer wieder für Entdeckungen gut. Ich finde bei jeder neuen Lektüre neue Einsichten und erkenne Dinge, die mir früher entgangen sind. So konnte deutsche Sprache nach 1945 aussehen! Rasiermesserscharf, rabiat und poetisch zugleich. Reißnägel und Leuchtraketen. Wie oft ich diese Bücher in den letzten 30 Jahren gelesen habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich für eine Seite dieser Prosa den ganzen Böll hergäbe – und Grass und Walser noch als Zugabe oben drauf.
David Grossmann: “Stichwort: Liebe” (1991)
Nach und neben der ersten Lektüre des “Ulysses” hat mich kein anderes Buch so gefordert und am Ende so großartig erschöpft und bereichert, voll brennender Bilder, Wörter und Gedanken aus seinem Wirkungskreis entlassen. Wie muß eine Sprache beschaffen sein, die dem Grauen des Holocaust nachgehen kann, ohne in Klischee und Phrase zu verfallen oder daran zu zerbrechen? Was muß ein Mensch von sich ablösen und verdrängen, um dieses Grauen als humanes Wesen (mit-)verantworten zu können? Ein unbeschreiblicher Roman, der das Unbeschreibbare zum Sprechen zu bringen versucht.
David Grossmann: “Eine Frau flieht vor einer Nachricht” (2008)
Ein Roman, der äußerlich fast statisch ist, sich auf der Stelle zu bewegen scheint und dabei in beispielloser Weise die Strukturen dessen bloßlegt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Wie viel muß zusammenkommen, um ein humanes Wesen zu erschaffen, wieviel Liebe, Sorge, und Zuwendung, wieviel Erlerntes, Erfahrenes, Erlittenes, ein unendliches Netzwerk aus Beziehungen, aus Geschichte und Geschichten. Und wie wenig bedarf es, um dieses einmalige, fragile Wesen wieder wegzuwischen. Das Buch erzählt von den Wünschen, Ängsten und Zielen, dem Scheitern, Verzweifeln und Wiederanfangen einer kleinen Gruppe von Menschen vor dem Hintergrund des ewig schwelenden israelisch-palestinensischen Konflikts in einem wundervollen, gärenden, verwundbaren und verwundeten Land, das seinen Bewohnern das Äußerste abverlangt. Ora, Avram, Ilan, Ofer und Adam sind unvergeßliche Figuren, die mich in Gedanken noch lange begleiten werden.
Charles Lewinsky: “Gerron” (2011)
Kurt Gerron war sowohl Schauspieler als auch einer der routiniertesten Regisseure der UFA im Berlin der 20er Jahre. Er spielte im Blauen Engel neben Marlene Dietrich und sang den “Meckie Messer” in Brechts “Dreigroschenoper” (wovon es eine ausgezeichnete historische Aufnahme gibt). Nach 1933 wurde er als Jude arbeitslos und von den Nazis in Theresienstadt interniert, wo man ihn zwang, den berüchtigten Propagandafilm “Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet” zu drehen, deren Darsteller später alle nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. In “Gerron” läßt Charles Lewinsky ihn rückblickend seine Lebensgeschichte erzählen. Ein bewegendes, einfühlsames und trauriges Buch, das sich immer wieder zu einer Intensität steigert, die zumindest mir nicht selten Tränen in die Augen steigen ließ.
Kazuo Ishiguro: “Never Let Me Go” (2005)
Das große, unterschwellige Thema auch dieses Romans ist die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins, das unvermeidliche Ende, vor dem wir uns fürchten und angesichts dessen sich die Menschen gedrängt fühlen, immer wieder nach dem Sinn zu fragen, nach dem Wozu und Wohin dieses Lebens mit seinem verschwenderischen Aufwand an Entwicklung und Erziehung, an Gedanken, Gefühlen, Plänen, Hoffnungen und schöpferischer Kraft. Ishiguro erzählt all das mit einer Zurückhaltung und Zen-artigen Schlichtheit der Sprache, die wie ein klarer Kristall wirkt, in dem sich die Welt bricht. Hier ist kein Wort zuviel. Nie wird doziert und nichts wird behauptet. Der Leser wird gleichsam durch die Leere zwischen den Wörtern gezogen und erblickt für kurze Momente die Fäden hinter dem Vorhang der Welt, aus dem das Muster des Lebens gewoben ist.
Übrigens gehört die Verfilmung des Buches mit Carey Mulligan und Andrew Garfield (deutscher Titel: “Alles, was wir geben mußten”) für mich zu den herausragenden Kinoereignissen des Jahres. Leider wurde der Film durch einen irreführenden Trailer so unglücklich beworben, daß er seine Zielgruppe verfehlte und nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die er verdient gehabt hätte, während er beim auf Popcorn-Unterhaltung eingestimmten Mainstream-Publikum natürlich durchfiel.
Kurz erwähnt seien noch folgende Bücher, die mir aus den unterschiedlichsten Gründen gefallen haben:
- Leonie Swann: “Garou”
- Eric-Emmanuel Schmitt: “Adolf H. Zwei Leben”
- Khaled Hosseini: “Tausend Strahlende Sonnen”
- Lizzie Doron: “Der Anfang von etwas Schönem”
- Oliver Hilmes: “Witwe im Wahn: Das Leben der Alma Mahler-Werfel”
- Bruno Walter: Gustav Mahler
- Wolfgang Büscher: “Hartland: Zu Fuß durch Amerika”
- Philip Norman: “Shout! The True Story of The Beatles”
Nur ein Satz: Mehr als diesen Jahresrückblick brauche ich nicht. Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge.