Während der Mai in diesem Jahr gar kein Ende nehmen wollte, rennt der Juni mit tausend Geschwindfüßen vor mir her. Der heutige Tag pendelt zwischen Sonne, Wind und sich düster-drohend dahinwälzenden Regenwolken. Die Temperatur stagniert bei 16 Grad Celsius, während die berüchtigten Schafe mit ihrer Kälte durchs Land ziehen. Wenn es wenigstens zu einer richtigen Götterdämmerung reichte, die fegteden ganzen Unsinn, der einen so brüllend umgibt, aus dem Sein hinweg! Aber nein, immer schön nivelliert und zivilisiert und wie die gemäßigten Adjektive alle lauten.
Es gibt seltsame Jahre, und das eben aktuelle ist eins der seltsamsten, die mir untergekommen sind, mit seinen staubspeienden Vulkanen, entgleisten Zügen, regenkalten Wetterlagen, Hauhaltslöchern, Staatspleiten und von allen guten Geistern verlassenen Politikern, denen es längst nicht mehr um das Wohl des Landes geht, sondern die nur noch ihre von Wahl zu Wahl schwerer errungenen Einflußsphären und Ego-Zentren mit raffiniertem Kalkül und so substanz- wie gewissenloser Rancüne zu behaupten versuchen. Regiert wird ja ohnehin längst von den Lobbyisten und Geschäftemachern, den Banken und Wirtschaftstycoonen. In einer Zeit, die neue Rezepte, neue Lösungsansätze für die globalen Probleme finden müßte, die uns demnächst so unvorbeitet vor die lokalen Füße fallen werden, daß die meisten Leute kaum auf den Stolperschritt in die persönliche Katastophe vorbereitet sein dürften, wird mit Hilfe der alten Tricks weitergemurkst wie gehabt und bewährt. Dem Verschwinden der abendländischen Kultur, der man sich nun bald gänzlich ohne sie zu vermissen entledigt haben wird, folgt der Untergang des Abendlandes selbst. Die aufgeklärte, westlich-technokrate Zivilisation, die sich auf ihre paar hundert Jahre Wirkungsgeschichte so viel einbildet, hat ihren Lebenszyklus schneller als erwartet durchlaufen und wird über kurz oder lang abtreten. Was folgt, bleibt unklar. Die aufstrebenden Schwellenländer wie Indien oder China schicken sich an, die gleichen Fehler zu machen, die den Okzident an den Rand des Ruins getrieben haben. Nach einer kurzen Pseudoblüte wird das Ganze welken und absterben, und am Ende läuft alles auf gigantische Verteilungskämpfe hinaus. Dann folgt nur noch Finsternis. Wie gut, daß ich das nicht mehr erleben muß! Aber die Kinder von heute tun mir leid.
Ansonsten beschäftge ich mich nach Kräften mit den wesentlichen Dingen: Literatur und Musik zum Beispiel, den beiden größten Trostspendern der Menschheit, die einem helfen, immer wieder die Macht der Gegenwelten gegen die Macht der Welt aufzurichten und zu behaupten. Nach Beendigung der Gustav Mahler-Biographie von Jens Malte Fischer, “Der fremde Vertraute”, deren 1000 Seiten von mir aus gerne noch ein paar Hundert hätten folgend dürfen, habe ich nun “Ist das ein Mensch” von Primo Levi vorgenommen, in dem Levi seine Zeit im Konzentrationslager (1944-45) schildert, karge, schonungslose Prosa, die eindringlicher ist, als es die glühendst vorgetragene Anklage hätte sein können. Definitiv kein Buch, das dazu geiegnet wäre, umdüsterte Gemüter aufzuheitern. Daneben habe ich die Studie “Das Ende der Welt, wie wir sie kannten” von Claus Leggewie und Harald Welzer begonnen, auch nicht eben beschwingte Lektüre. Musikalisch tauche ich wieder einmal tief in die Welt Gustav Mahlers ein, wobei ich mich nicht chronologisch-numerisch voranarbeite, sondern quer durch das Werk springe, von der Zweiten zum Fragment der Zehnten und zurück zum Anfang mit der Ersten Symphonie von 1889 und so weiter. Im Fokus sollen diesmal vor allem auch verschiedene Interpretationen der Symphonien stehen. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, mir Taschenpartituren zum Mitlesen während des Hörens zu besorgen.