MMXII.I.18

Heute vor 98 Jahren, am 18. Januar 1914, wurde Arno Schmidt geboren – ein Autor, der mich seit meiner Jugend fasziniert, begeistert und bereichert hat. Er ließ mich Literatur auf eine Weise erleben, die mich schon ganz früh entscheidend prägte und meine lebenslange Liebe zur Welt der Bücher mitbestimmte. Ein Magnetberg, der mich anzog wie Eisenfeilspäne. Seine Bücher waren anders als alles, was ich kannte. Hier hatte sich ein Autor eine Sprache geschaffen, die vor Persönlichkeit nur so sprühte, die ironische Stacheln nach allen Seiten wies, die wütend war, die stach und ätzte und dann wieder Momente von einer Zartheit und gefaßten Trauer kannte, die mich den Atem anhalten ließen. Ich wußte nicht warum, aber hier fühlte ich mich zu Hause, aufgenommen, anerkannt, verstanden.

Auch in schwierigen Jahren bot sein Werk einen verläßlichen Hafen, in dem das noch wacklige und immer wieder bedenklich wankende Lebensschiff sicher vor Anker gehen konnte. Selbst wenn man ihm nicht in allem unbesehen folgen wollte, wenn man später neue Wege einschlug und die Welt durch anders gefärbte Gläser betrachtete, blieb er doch ein machtvoller geistiger Verbündeter. Ein Gegenvater, der unbeirrt von Moden und Trends seinen Weg ging und dadurch zum Selber-Forschen und -Denken, zum Selber-Finden, ja -Erfinden ermunterte. Auch wenn man sich mit der Zeit ein wenig von ihm entfernte und neue verlockende Kontinente des Geistes entdeckte, lernend, probierend, sich gierig ins Leben stürzend, verlor man ihn nie ganz aus den Augen. Irgendwie ragte sein Schatten immer kaum merklich zu einem herüber, und die Monde aus seinen Geschichten gingen heimlich hinter Wolkenvorhängen auf.

Heute stehe ich ihm vielleicht näher als zu irgendeiner früheren Zeit, wenn auch ohne die schwärmerische Unbedingtheit der Jugend, die ich mir dennoch manchmal zurückwünsche. Je mehr sich die eigene Persönlichkeit zu festigen begann, desto unbefangener konnte ich mich auch Arno Schmidt wieder nähern und seine wahre Größe ermessen, von der ich früher nur eine vage Ahnung gehabt hatte, weil mir mit der Erfahrung auch die Maßstäbe fehlten. Seine Prosa, in der jeder Satz mit diesem unverkennbaren, einzigartigen „Sound“ angereichert ist, der ihn als Autor ganz für sich selbst stellt, gehört zu den unwiderstehlichsten Lese-Erfahrungen meines Lebens.

Ein Glücksfall für die deutsche Nachkriegsliteratur, daß es ihn gab. Ein Glücksfall für mich, daß ich ihn schon früh im Leben entdecken durfte.

MMXII.I.8

Nachdem das Jahr 2011 vorüber ist, will ich den wohl unvermeidlichen Rückblicken mit ihren Bestenlisten, deren ersten Ausläufern man schon im November begegnen konnte, wenigstens ein paar meiner eigenen Highlights entgegen setzen. Beginnen möchte ich mit den Büchern, die mich im Laufe des Jahres interessiert, bewegt und bereichert haben. Meine Auswahl beschränkt sich dabei weder auf die Novitäten des Jahres noch ist sie eine Liste kritisch reflektierter Empfehlungen. Wenn mich bei der Aufstellung und den kurzen Beschreibungen etwas geleitet hat, dann allenfalls mein Credo, daß nur das Private, Einseitig-Subjektive wahrhaft interessant ist. Hier also meine Bücherliste 2011:

Arno Schmidt: „Brand’s Haide“ (1951) und „Aus dem Leben eines Fauns“ (1953)
Selbst die frühen Kurzromane Schmidts sind immer wieder für Entdeckungen gut. Ich finde bei jeder neuen Lektüre neue Einsichten und erkenne Dinge, die mir früher entgangen sind. So konnte deutsche Sprache nach 1945 aussehen! Rasiermesserscharf, rabiat und poetisch zugleich. Reißnägel und Leuchtraketen. Wie oft ich diese Bücher in den letzten 30 Jahren gelesen habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich für eine Seite dieser Prosa den ganzen Böll hergäbe – und Grass und Walser noch als Zugabe oben drauf.

David Grossmann: „Stichwort: Liebe“ (1991)
Nach und neben der ersten Lektüre des „Ulysses“ hat mich kein anderes Buch so gefordert und am Ende so großartig erschöpft und bereichert, voll brennender Bilder, Wörter und Gedanken aus seinem Wirkungskreis entlassen. Wie muß eine Sprache beschaffen sein, die dem Grauen des Holocaust nachgehen kann, ohne in Klischee und Phrase zu verfallen oder daran zu zerbrechen? Was muß ein Mensch von sich ablösen und verdrängen, um dieses Grauen als humanes Wesen (mit-)verantworten zu können? Ein unbeschreiblicher Roman, der das Unbeschreibbare zum Sprechen zu bringen versucht.

David Grossmann: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ (2008)
Ein Roman, der äußerlich fast statisch ist, sich auf der Stelle zu bewegen scheint und dabei in beispielloser Weise die Strukturen dessen bloßlegt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Wie viel muß zusammenkommen, um ein humanes Wesen zu erschaffen, wieviel Liebe, Sorge, und Zuwendung, wieviel Erlerntes, Erfahrenes, Erlittenes, ein unendliches Netzwerk aus Beziehungen, aus Geschichte und Geschichten. Und wie wenig bedarf es, um dieses einmalige, fragile Wesen wieder wegzuwischen. Das Buch erzählt von den Wünschen, Ängsten und Zielen, dem Scheitern, Verzweifeln und Wiederanfangen einer kleinen Gruppe von Menschen vor dem Hintergrund des ewig schwelenden israelisch-palestinensischen Konflikts in einem wundervollen, gärenden, verwundbaren und verwundeten Land, das seinen Bewohnern das Äußerste abverlangt. Ora, Avram, Ilan, Ofer und Adam sind unvergeßliche Figuren, die mich in Gedanken noch lange begleiten werden.

Charles Lewinsky: „Gerron“ (2011)
Kurt Gerron war sowohl Schauspieler als auch einer der routiniertesten Regisseure der UFA im Berlin der 20er Jahre. Er spielte im Blauen Engel neben Marlene Dietrich und sang den „Meckie Messer“ in Brechts „Dreigroschenoper“ (wovon es eine ausgezeichnete historische Aufnahme gibt). Nach 1933 wurde er als Jude arbeitslos und von den Nazis in Theresienstadt interniert, wo man ihn zwang, den berüchtigten Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ zu drehen, deren Darsteller später alle nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. In „Gerron“ läßt Charles Lewinsky ihn rückblickend seine Lebensgeschichte erzählen. Ein bewegendes, einfühlsames und trauriges Buch, das sich immer wieder zu einer Intensität steigert, die zumindest mir nicht selten Tränen in die Augen steigen ließ.

Kazuo Ishiguro: „Never Let Me Go“ (2005)
Das große, unterschwellige Thema auch dieses Romans ist die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins, das unvermeidliche Ende, vor dem wir uns fürchten und angesichts dessen sich die Menschen gedrängt fühlen, immer wieder nach dem Sinn zu fragen, nach dem Wozu und Wohin dieses Lebens mit seinem verschwenderischen Aufwand an Entwicklung und Erziehung, an Gedanken, Gefühlen, Plänen, Hoffnungen und schöpferischer Kraft. Ishiguro erzählt all das mit einer Zurückhaltung und Zen-artigen Schlichtheit der Sprache, die wie ein klarer Kristall wirkt, in dem sich die Welt bricht. Hier ist kein Wort zuviel. Nie wird doziert und nichts wird behauptet. Der Leser wird gleichsam durch die Leere zwischen den Wörtern gezogen und erblickt für kurze Momente die Fäden hinter dem Vorhang der Welt, aus dem das Muster des Lebens gewoben ist.

Übrigens gehört die Verfilmung des Buches mit Carey Mulligan und Andrew Garfield (deutscher Titel: „Alles, was wir geben mußten“) für mich zu den herausragenden Kinoereignissen des Jahres. Leider wurde der Film durch einen irreführenden Trailer so unglücklich beworben, daß er seine Zielgruppe verfehlte und nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die er verdient gehabt hätte, während er beim auf Popcorn-Unterhaltung eingestimmten Mainstream-Publikum natürlich durchfiel.

Kurz erwähnt seien noch folgende Bücher, die mir aus verschiedenen Gründen gefallen haben:

  • Leonie Swann: „Garou“
  • Eric-Emmanuel Schmitt: „Adolf H. Zwei Leben“
  • Khaled Hosseini: „Tausend Strahlende Sonnen“
  • Lizzie Doron: „Der Anfang von etwas Schönem“
  • Oliver Hilmes: „Witwe im Wahn: Das Leben der Alma Mahler-Werfel“
  • Bruno Walter: Gustav Mahler
  • Wolfgang Büscher: „Hartland: Zu Fuß durch Amerika“
  • Philip Norman: „Shout! The True Story of The Beatles“

MMXI.XII.28

Gestern besuchten wir ein letztes Mal den Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Das Wetter läßt ja mit seinen seit Wochen eher lauen Temperaturen und diesem fahlen, glanzlosen Licht, das die Welt von morgens bis abends in grauseidene Trübsal hüllt, kaum winterliche Gefühle aufkommen. Nun bin ich zwar einigermaßen dankbar, von den Schneemassen des letzten Winters, die man selbst bei bestem Willen und eiserner Konstitution mit Besen und Schieber kaum noch bewältigen konnte, bisher verschont geblieben zu sein; aber der seltsame Pseudo-Fühling, der sich überall breitmacht, kann mich auch nicht wirklich begeistern. Obwohl ich, sollten sich im Januar oder Februar doch noch erhebliche Kältegrade einstellen, darüber vermutlich genauso wenig entzückt sein werde. Ich konstatiere das allerdings mehr ironisch als ernsthaft klagend und höre mir selbst kopfschüttelnd beim Lamentieren zu, während die Tippfinger eilfertig auf der Tastatur des Rechners herumhämmern, um die rostigen Wörterketten, die mir beim Dahindenkeln so einfallen, für die hier eventuell mitlesende Mitwelt zu fixieren. (Als ob die gerade darauf gewartet hätte; aber man weiß ja nie!)

Die letzten paar Tage eines Jahres lasse ich eigentlich stets ziemlich ambitionslos an mir vorüberziehen. Ich betreibe ein wenig Datensicherung, lese viel, vertiefe mich in Filme und Musik, lüfte ansonsten meinen Kopf aus, lasse mich leidlich gehen, trödle im Haus herum, verschwende sinnlos Zeit und bin vor allem einmal so recht nach Herzenslust unkritisch mit mir selbst. Gestern auf dem Weihnachtsmarkt zum Beispiel. In den vergangenen 12 Monaten haben Christine und ich beinahe auf Schritt und Tritt fotografiert, zu Hause und unterwegs, im Auto, im Zug, auf dem Fahrrad oder zu Fuß. In keinem anderen Jahr zuvor hat sich eine solche Bilderfülle bei uns angesammelt, wie in diesem. „Genug ist genug“ dachte ich mir erst, steckte dann aber nach kurzer Überlegung meine alte handliche Canon Powershot A 530 ein. Die „dicke Ausrüstung“ blieb also aus Bequemlichkeit zu Hause liegen, und dermaßen entlastet, warf ich gleich noch alle weiteren mühsam erworbenen fotografischen Prinzipien über Bord, um endlich einmal nach der bewährten Methode „Kommen, Sehen, Hinhalten, Knipsen“ verfahren zu können. So zog ich denn ganz naiv und enthemmt als „Einhandknipser mit simuliertem Verschlußgeräusch“ (wie Christine es liebevoll-despektierlich nannte) durch die Stadt und nahm auf, was mir im Vorübergehen vor die Linse schwankte.

Die Ergebnisse meines Knips-Anfalls sind denn auch zum größten Teil bescheiden genug asugefallen, nicht nur wegen der technischen Beschränkungen der verwendeten Kamera, und ich werde mich hüten, irgendjemanden mit den derart entstandenen Fotos zu belästigen. Obwohl sich manche Bilder dann doch wieder durch ein gewisses spielerisch-unbekümmertes Flair auszeichnen, das durchdachteren Aufnahmen oft abgeht. Eine dieser Aufnahmen ist oben zu sehen: Christine fröhlich herumalbernd vor „Mutter Habenicht“ in Braunschweig, kurz nach unserem traditionellen Bratkartoffelessen und „Kartoffelschnaps mit Gedöns“-Trinken zum Jahresende. Ich schätze, mit diesem Bild endet auch mein Fotojahr 2011 – wie es sich geziemt bescheiden und unauffällig, ganz dem Privaten Moment verflichtet. Prost, cheers, slaínte und lechaim!

MMXI.XII.25

Auch in diesem Jahr haben Christine und ich wieder unsere traditionellen Pfefferkuchen gebacken. Der Name „Pfefferkuchen“ deutet nicht etwa an, daß sie sonderlich viel Pfeffer enthielten (wenn man’s genau nimmt, eigentlich gar keinen), sondern datiert zurück ins Mittelalter, in dem alle Gewürze schlicht „Pfeffer“ hießen. Das Rezept stammt von meiner Mutter, die es vermutlich von ihrer Mutter übernommen hat, und obwohl es auf einer sehr einfachen Kombination von Zutaten beruht, habe ich es in dieser familiär überlieferten Form noch in keinem Koch- oder Backbuch wiedergefunden.

Früher, als kleiner Junge, gehörte die Pfefferkuchenbäckerei für mich zu den aufregendsten Ereignissen der Weihnachtszeit. Am Abend vor dem Backtag wurde die verheißungsvoll duftende, bräunlich-zähe Masse aus Sirup, Mehl, Eiern, Margarine, Zucker und einer bunten Mischung exotischer Gewürze angesetzt, die über Nacht mit einem Leinentuch bedeckt stehen bleiben mußte. Am nächsten Tag ging es dann ans Ausrollen und Ausstechen, mit Mandeln Belegen und Puderzuckerglasur Bepinseln. Vor allem aber wurde zwischendurch immer wieder ausgiebig vom rohen Teig genascht – ein nicht ganz rezeptgemäßer Arbeitsschritt, für dessen unbestechliche Ausführung ich mich besonders zuständig fühlte.

Rezepte verbinden uns ja stärker mit unseren Ahnen als alle Bilder und Dokumente. Im Geschmack des Essens kommt der konzentrierte Geist verlorener Tage über die Zeiten und entfaltet sich auf unserer Zunge zu neuer Wirksamkeit. Das Schmecken nicht als Vorgang, sondern als Lebens- und Lustprinzip per se, hat vielleicht sogar eine ganz eigene Existenz, die seine Manifestation im vergänglichen Individuum transzendiert. Rezepte sind damit eine Art sinnliche Sprache, in der ephemere Reize zu einer immer wieder abspielbaren Nachricht codiert werden können. Das Schmecken überbrückt Gegensätze, verbindet Epochen, stiftet leichter und unkomplizierter Gemeinschaft als Kunst und Kultur, Bildung und Herkommen. Jede Speisekarte ist eigentlich eine Anweisung zum Glücklichsein, jedes Rezept ein Appell an die Vernunft, jeder Koch oder Bäcker ein Anwalt für Frieden und Freundschaft.

Da Christine und ich viel von verläßlichen Konstanten im Leben halten, die den immer gleichen Fluß des Alltags ein wenig einteilen, versuchen wir, neben unseren vielen kleinen Ritualen auch die Weihnachtsbäckerei treulich fortzuführen. So wird das alte Rezept wohl auch weiterhin an manchem Dezembervormittag kommender Jahre für reichlich Kneten, Rollen, Stechen und Hantieren mit heißen Backblechen verantwortlich sein. Musikalisch wird die Aktion meist von Bob Dylans „Christmas In The Heart“ begleitet, dem einzig erträglichen Weihnachtsalbum, neben all den unsäglich verkitschten, das ich kenne. Dylan singt diese Lieder mit rauher, krächzender, reibeisiger Stimme wie ein alttestamentarischer Prophet. Weihnachtsblues mit Zacken und Lametta, herrlich schnulzige Gospelchöre, rumpelige Fröhlichkeit und abgeklärter Bar-Jazz. Ein Blick zurück ohne Zorn auf eine fast versunkene Welt.

MMX.XII.11

Christine und ich lieben die kühleren Herbst- und Wintermonate am Meer, wenn sich die Promenaden und Strände fast menschenleer ins Weite erstrecken und man auf langen Spaziergängen an der Küste entlang nur das Geräusch der Brandung und die Schreie der Möwen hören kann, die auf mich schon immer seltsam beruhigend gewirkt haben. Unser Appartement im Dünenpark Binz war mit seiner günstigen Lage in Strandnähe ein idealer Ausgangspunkt für die Erkundung der Gegend. Eine gemächliche Küstenwanderung brachte uns nach 30 Minuten zum Ortskern mit der Seebrücke, der schönen, meist liebevoll restaurierten gründerzeitlichen Bäderarchitektur und einer ganzen Reihe von Kneipen, Restaurants, Bars und anderen Lokalitäten, die zum Ausruhen, Essen und Trinken einladen, was so „einkehrfreudigen“ Leuten wie uns sehr entgegen kam. Etliche Hotels und Cafés hatten bis zur nächsten Saison geschlossen und standen mit leeren Fensterscheiben im abendlichen Dunkel, das schon gegen 16:00 Uhr einsetzte. Wir genossen diese ganz spezielle Atmosphäre eines Seebades im Winterschlaf, fern jeden touristischen Trubels. Es war eine reduzierte, sanft eingeschlummerte, nur unter der Oberfläche noch sacht von Leben durchpulste Welt, die uns da umgab und zuweilen etwas Unwirkliches verströmte, eine sanft melancholische Stimmung, in der die Zeit fast aufgehoben schien.

Wir hatten uns vorgenommen, vier Tage lang die Seele baumeln zu lassen und im Rhythmus des Meeres und der Natur einfach mitzuschwingen, ohne in hektischer Betriebsamkeit allzuviele touristische Ziele anzusteuern. Natürlich besuchten wir die Kreidefelsen am Königsstuhl, wo wir die 500 Holzstufen an den Strand hinab- und wieder hinauf stiegen. Wir fuhren im „Rasenden Roland“, der Dampfeisenbahn, die seit über 100 Jahren auf Rügen verkehrt, von Binz zum Seebad Göhren und zurück (mit der rasenden Geschwindigkeit von 30 km/h). In Stralsund, das wir mit der Regionalbahn  erreichten, sahen wir uns die historische Altstadt an, tranken Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und begeisterten uns für die gut bestückte „Stralsunder Whisk(e)yinsel“ im Hanse-Kontor am Rathaus. Als gebürtigem Lübecker fiel mir die wunderbare Backsteingotik der mittelalterlichen Gebäude angenehm ins Auge. Selbst die Architektur der Rathausfront erinnerte deutlich an das Lübecker Pendant. Leider erwiesen sich viele Bereiche der Altstadt als Baustelle, auf dem neuen Markt „rummelte“ es mir zu sehr, und nachmittags setze feiner Regen ein. Stralsund hat uns trotzdem gefallen und wird uns zu anderer Jahreszeit einen erneuten Besuch wert sein.

Am letzten Tag auf Rügen klarte das zunächst noch trübe Morgenwetter nach dem Frühstück plötzlich auf, die Sonne erschien, und hinter wirrem Wolkengewölle wurde das Blau des Himmels sichtbar. Wir gingen zum Strand hinunter. Noch einmal suspendiert vom Alltag tankten wir mit weiten Seelen das strömende Gemisch aus Wasser und Wind, den Geruch von Sand und Meer, das Krächzen der Wildenten und Watvögel. Hier ließ es sich leben! Aber der IC nach Hamburg wartete, und wir mußten uns verabschieden. Warum ist das Leben nur so kompliziert?

Fotos von der Reise finden sich hier.